Taschkenter Moderne wird UNESCO-Welterbe: 10 Gebäude
Wenn von Usbekistan die Rede ist, denken die meisten zuerst an Samarkand, Buchara und Chiwa – uralte Städte an der Seidenstraße, bekannt für ihre Medresen, Minarette und blauen Kuppeln. Doch im Juli 2026 richtete sich die weltweite Aufmerksamkeit auf ein ganz anderes Kapitel der Landesgeschichte.
Das UNESCO-Welterbekomitee beschloss, die Nominierung „Architektur der Taschkenter Moderne: Moderne und Traditionen Zentralasiens" in die Liste des Welterbes aufzunehmen. Internationale Anerkennung erhielten zehn architektonische Objekte, die zwischen den 1960er- und den frühen 1990er-Jahren in Taschkent errichtet wurden.
Für Usbekistan ist dies bereits das achte Welterbe-Objekt insgesamt und das sechste in der Kategorie Kulturerbe. Zudem ist es die erste nationale Nominierung des Landes seit 25 Jahren und das erste Objekt der Architektur der Moderne des 20. Jahrhunderts in Zentralasien und der GUS, das diesen Status erhält.
Warum gerade Taschkent?
Die Antwort beginnt mit einem Datum, das die Stadt für immer veränderte.
Am 26. April 1966 wurde Taschkent von einem verheerenden Erdbeben erschüttert. Ein großer Teil der Hauptstadt wurde zerstört, Hunderttausende Bewohner verloren ihr Zuhause. Die Architekten standen vor einer Aufgabe, die weit über den Wiederaufbau hinausging: Sie mussten eine neue, moderne Hauptstadt schaffen, die für das Leben in einer erdbebengefährdeten Zone und einem heißen Klima ausgelegt war.
Nach dem Erdbeben wurde Taschkent zu einem der größten architektonischen Laboratorien seiner Zeit. Fachleute aus der gesamten Sowjetunion bauten die zerstörten Viertel nicht einfach wieder auf, sondern suchten nach neuen Ansätzen für das Bauen. So entstand das unverwechselbare Stadtbild, in dem strenge modernistische Formen neben orientalischen Ornamenten, Mosaiken und Lösungen stehen, die vom lokalen Klima diktiert wurden.
Die Gebäude wurden erdbebensicher konstruiert, durch speziell gestaltete Fassaden und Sonnenschutzelemente vor der sengenden Sonne geschützt und mit nationalen Ornamenten und Mosaiken verziert. Genau diese Fähigkeit, Moderne mit lokaler Kultur und Klima zu verbinden, war einer der Hauptgründe für die Anerkennung durch die UNESCO.
Zehn Gebäude, die das Bild der sowjetischen Architektur veränderten
Wohnhaus „Schemtschug" (Perle)
Dies ist das einzige Wohngebäude in der neuen UNESCO-Nominierung. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein gewöhnliches Mehrfamilienhaus, doch die Architekten integrierten Ideen, die heute wieder als fortschrittlich gelten. Jeweils mehrere Stockwerke sind durch gemeinsame Innenhöfe verbunden, die an traditionelle Machalla-Nachbarschaften erinnern. Die Bewohner erhielten nicht nur Wohnungen, sondern auch Raum für Begegnung, Erholung und nachbarschaftlichen Austausch.
Staatliches Museum für Geschichte Usbekistans
Dieses monumentale Museum ist jedem bekannt, der im Zentrum Taschkents war. Nach einer umfassenden Rekonstruktion eröffnete es in neuem Format: Die Zahl der Ausstellungssäle hat sich mehr als verdoppelt, moderne Multimedia-Ausstellungen kamen hinzu. Das Gebäude selbst gilt als eines der markantesten Beispiele der Taschkenter Moderne dank der Verbindung strenger Geometrie mit traditionellen orientalischen Motiven.
Palast der Völkerfreundschaft
Nach dem Erdbeben brauchte das Land eine neue zentrale Konzerthalle. So entstand der Palast der Völkerfreundschaft mit einem Saal für fast viertausend Zuschauer. Seit Jahrzehnten finden hier Konzerte, Festivals und Staatsveranstaltungen statt, und das Gebäude ist zu einer der architektonischen Visitenkarten der Hauptstadt geworden.
Staatliches Kunstmuseum Usbekistans
An der Fassade des Museums gibt es kein zufälliges Element. Die berühmten Sonnenschutzpaneele erfüllen gleich zwei Funktionen: Sie prägen das ausdrucksstarke äußere Erscheinungsbild und schützen die Innenräume vor Überhitzung. Dies ist eines der besten Beispiele dafür, wie sich die Architektur Taschkents an das Stadtklima anpasste.
Staatszirkus
Die große blaue Kuppel ist längst zu einem Wahrzeichen Taschkents geworden. Der Zirkus wurde dabei nicht nur als eindrucksvolles Bauwerk konzipiert, sondern auch als sicheres Gebäude für eine Region mit hoher seismischer Aktivität. Das neue Zirkusgebäude eröffnete 1976, nachdem das vorherige durch das Erdbeben zerstört worden war.
Zentrale Ausstellungshalle der Kunstakademie
Das Gebäude verbindet die klaren Formen der Moderne mit nationaler dekorativer Kunst. Seit vielen Jahren finden hier die größten Kunstausstellungen, Biennalen, Festivals und Präsentationen zeitgenössischer Kunst statt.
Alischer-Nawoi-Kinopalast
Beim Erdbeben von 1966 bewies gerade die ungewöhnliche Konstruktion aus vorgefertigten Stahlbetonelementen ihre Wirksamkeit. Die hier angewandten ingenieurtechnischen Lösungen wurden später zum Vorbild für andere Projekte in erdbebengefährdeten Regionen.
Basar „Tschorsu"
Die moderne blaue Kuppel des Basars entstand in den 1980er-Jahren, doch der Handelsplatz selbst existiert bereits seit Jahrhunderten – hier kreuzten sich einst die Routen der Seidenstraße. Heute ist „Tschorsu" einer der stimmungsvollsten Orte Taschkents, an dem man landestypische Küche probieren sowie Gewürze, Trockenfrüchte und Handwerkserzeugnisse kaufen kann.

Metrostation „Kosmonawtlar"
Unter den Stationen der Taschkenter Metro sticht besonders „Kosmonawtlar" hervor. Ihre Gestaltung ist der Geschichte der Raumfahrt gewidmet: Die Architekten verbanden künstlerische Wandbilder, Mosaike und eine originelle Beleuchtung zu einem einheitlichen Bild, wodurch die Station zu einer der meistfotografierten der Stadt wurde.
Heliokomplex „Sonne"
Das einzige Objekt außerhalb des Zentrums von Taschkent liegt unweit von Parkent. Hier befindet sich einer der weltweit größten Sonnenöfen, der Temperaturen von über 3.000 °C erzeugen kann. Der Komplex wurde für wissenschaftliche Forschung errichtet und bleibt bis heute ein einzigartiges Ingenieurbauwerk von Weltrang.
Warum ist das für Touristen interessant?
Die meisten Reisenden verbringen nur ein bis zwei Tage in Taschkent und betrachten die Stadt lediglich als Ausgangspunkt vor der Weiterreise nach Samarkand, Buchara oder Chiwa. Doch gerade jetzt hat die Hauptstadt einen weiteren guten Grund erhalten, länger dort zu verweilen.
Die Taschkenter Moderne bietet die Möglichkeit zu sehen, wie sowjetische Architektur aussehen kann, wenn sie nicht Standardlösungen kopiert, sondern lokale Kultur, Klima und Traditionen berücksichtigt. Genau deshalb studieren Architekten aus aller Welt heute diese Gebäude, und die Stadt wird nach und nach zu einem neuen Zentrum des architektonischen Tourismus.
Wenn Sie bereits in Usbekistan waren, ist jetzt der richtige Moment, Taschkent neu zu entdecken. Und wenn Sie Ihre Reise erst planen, nehmen Sie unbedingt nicht nur die antiken Denkmäler in Ihre Route auf, sondern auch die Gebäude, die vor Kurzem als Teil des Weltkulturerbes anerkannt wurden.

